Die Prestigeklasse des Spions
„Was machen sie hier?“
Lord Bridry erstarrte. War das ein Pistole in seinem Rücken? Begleiteten Wachen die junge Stimme, die zu ihm sprach, oder dachte der Mann, dass er es alleine mit einer Klinge mit dem alten Elyas Bridry aufnehmen konnte? Der weißhaarige Adlige drehte sich um und sah in das ihm bekannte Gesicht eines jungen Gentleman. Die Bartstoppeln waren wegrasiert und darunter war ein Gesicht zu sehen, das um einiges erwachsener wirkte, als damals, als er den Jungen zuletzt gesehen hatte. Randyl Lhyvreyn lächelte und breitete seine Arme zu einer Umarmung aus.
„Bridry! Ich dachte mein Vater hätte es allen verboten, sein Studierzimmer zu betreten,“ sagte der junge Mann in einem gestrengen Tonfall aber immer noch lächelnd.
„Lassen sie uns doch einfach sagen, dass ihr Vater mich ab und an mal seine Bibliothek benutzen lässt, und ich tue ihm dafür ein paar Gefallen, über die wir jetzt nicht reden wollen,“ antwortete der alte Mann relativ barsch. Er umarmte den jungen Gentleman kurz und klopfte ihm auf den Rücken.
Für die aristokratischen Kreise, in denen sich Lord Goddard Lhyvreyn und der bekannte Elyas Bridry bewegten, war eine solch nonchalante Erwähnung bestimmter „Gefallen“ schon recht direkt. Dementsprechend lachte Randyl zwar über diese Bemerkung, war aber doch ein wenig steifer geworden.
Bridry schaute sich unauffällig in dem dunklen Zimmer um. Lord Goddards Bibliothek war ein Anbau an das große Herrenhaus, das auf dem Weg zu den schwarzen, spuckenden Schornsteinen einer der vielen Eisen- und Bronzegießereien Rynyrs lag – von denen einige den Lhyvreyns gehörten – und zu dieser Zeit des Tages immer recht dunkel. „Ziemlich eindrucksvoll, wirklich. Ich habe hier mehr gelernt als auf der Akademie.“
„Ach, wer lernt denn schon etwas an der Akademie?“ lachte der junge Mann in sich hinein. „Ein wenig Wein?“
„Leider nein, Danke. Ich kann nicht lange bleiben. Meine Pflichten rufen, wie immer.“
„Zu Schade, aber ich verstehe. Wie ich höre, sind sie ja ein vielbeschäftigter Mann.“ Es folgte eine kurze Pause. Bridry fragte sich, ob der junge Randyl hier gerade seinen Mut zusammen nahm und eine versteckte Andeutung machte. Doch sein Gesicht war zu offen, zu ehrlich, sein Verhalten einfach zu naiv – ganz wie der Vater traf auf den Jungen nun wirklich nicht zu, dachte Bridry.
Randyl, der sich dem prüfenden Blick des Älteren nicht bewusst war, fuhr fort: „Warum beschäftigt sich ein politischer Abgesandter wie sie überhaupt so viel mit Büchern? Sollten sie nicht irgendeinen Lakaien haben, der das Lesen für sie erledigt, während sie sich am Hofe herumtreiben und Intrigen mit all den anderen Adligen spinnen?“
„Intrigen spinnen? Hah! Früher vielleicht. Heute habe ich nicht mehr das nötige Feuer dafür,“ sagte Bridry, während er ein goldenes Siegel geschickt in seiner Hose verschwinden ließ. Er hielt seine warmherzige Fassade aufrecht, während er weiterhin das Zimmer absuchte und nach dem Schalter Ausschau hielt, von dem er wusste, dass er hier irgendwo versteckt sein musste. Jede Kleinigkeit sog er in sich auf – die Tapete, die Gemälde, den Kamin, den Tisch mit den wunderschönen Pistolen, die über ihm hingen, die Bücherregale... ah, die Bücherregale, irgend etwas an den Bücherregalen... irgend etwas stimmte da nicht.
„Und, was lesen sie gerade?“ fragte der junge Edelmann ihn. „Ich habe viele von den Büchern hier selbst schon gelesen.“
Bridry drehte sich um und schaute auf die Bücher. Er hatte kein einziges davon gelesen. Er stieg auf eine kleine Leiter und nahm ein vielgelesenes Buch mit Metallecken in die Hand. Es war „Das Menitische Imperium vor der Ära des Wiederaufbaus“. „Ich bin schon fast fertig mit einer interessanten Studie über menitische Tempel, vor allem über solche im westlichen Khador. Ein brillanter Gelehrter – zufälligerweise auch ein Freund aus Jugendtagen – Sir Wilby Albenbright hat es geschrieben. Ich muss aber doch sagen, ein wenig enttäuscht bin ich schon, dass er sich so sehr auf die noch existierenden Tempel konzentriert, statt auf die viel interessanteren, die jetzt nur noch Ruinen sind. Ich liebe die alte Geschichte einfach, wissen sie.“ Er stellte das Buch zurück an seinen Platz und griff nach einem anderen. „Jetzt gerade würde ich mich aber viel lieber mit diesem alten Werk beschäftigen.“
Seine Finger landeten auf einem Buch in verblasstem Rot, dessen Goldbuchstaben auf dem Rücken schon fast schwarz waren. Er zog sanft daran, es bewegte sich aber nicht. Eine Attrape. Sicherlich Teil der Schaltvorrichtung.
„Sehr viel lieber,“ flüsterte er. „Randyl, mir fällt gerade etwas ein, das ich dir gerne zeigen würde. Aber hol zuerst mal Wexler, wenn du so nett wärest. Es gibt da einen kurzen Abschnitt, den ich gerne noch lesen würde, bevor wir uns dann unten in der großen Bibliothek treffen. Ich glaube, ihr beide werdet recht überrascht sein.“
Randyl beäugte den anderen Mann kurz ein wenig misstrauisch, lächelte dann aber. „In Ordnung, Bridry. Sie waren ja schon immer für Überraschungen gut. Ich frage mich, was sie diesmal ausgeheckt haben.“ Der junge Adlige lächelte weiterhin und verneigte sich leicht. Dann verließ er das Zimmer und ging hinunter, um seinen Mentor, Artys Wexler, zu suchen, der außerdem auch Sicherheitsminister von Haus Lhyvreyn war.
Bridry wartete noch einige Sekunden, um sicherzugehen, dass Randyl auch wirklich verschwunden war. Er ging ein paar Schritte und lunste in den mit Teppichen ausgelegten Flur. Niemand war zu sehen. Dann schloss er die schwere Eisentür mit einem hörbaren „katschunk“, verriegelte sie und holte seine vergoldete Taschenuhr aus seiner Wollweste. Er öffnete sie und schaute auf die goldenen Zeiger – nur noch ungefähr eine Stunde bis zur Abenddämmerung. Er hatte also noch genug Zeit, konnte sich aber keine weiteren Ablenkungen mehr erlauben.
Bridry steckte die Uhr wieder in seine Tasche und schaute zu der Buchattrappe. Der alte Mann bewegte sich schnell und drehte seinen Gürtel um. Er griff nach einem kleinen Etui mit Werkzeugen, das bis vor kurzem noch an seinem Rücken lag. Mit dem Schalter und der Buchattrappe machte er schnellen Prozess und wenige Momente später stand er schon wieder in der Mitte des Raumes. In seinen Händen hielt er einen Stapel Papier, der mit einem kunstvollen Siegel versehen war – dasselbe Siegel, das jetzt in seiner Hosentasche ruhte.
„Oh, und wie überrascht du wärst, mein junger Randyl,“ sagte er in Richtung der Tür, wo der junge Edelmann noch vor kurzem gestanden hatte. Bridrys Stimme war nun tief und sicher, in keinster Weise mehr mit dem trockenen Krächzen des gealterten Abgesandten zu vergleichen. Es war die Stimme des Meisterspions Armand Rhywyn.
Armand lief durch das Zimmer. Seine Schritte waren nun sicher, zeigten keine Anzeichen des Alters mehr. Er holte einen kleinen Lederbeutel unter dem Sofa hervor, das eine iosanische Imitationsarbeit war. In diesem Beutel befanden sich eine Uniform der Hauswache der Lhyvreyns und ein paar andere Accessoires. Der Spion zog die Uniform heraus und legte statt dessen die Papiere hinein. Dann ging er um eine Ecke und legte seine Verkleidung ab, um sie durch die Uniform der Hauswache zu ersetzen.
„Das Adelskonzil sieht es nicht gerne, wenn Material, das es angefordert hat, unter seiner Nase an khadoranische Expansionisten verkauft wird,“ flüsterte Armand mit tiefer Stimme. „Wenn sie also diese Papiere mit Lhyvreyns Siegel sehen, kann ich mir schon vorstellen, wie sie den alten Goddard in ein, zwei Tagen vor den Richter schleppen werden.“ Während er dies sagte, zog der Spion sich eine dünne, fleischfarbene Wachsschicht von der einen Seite seines Gesichts, so dass darunter sein glatt rasierter, markanter Wangenknochen zum Vorschein kann. „Überraschung wird nur das erste sein, das ihr verräterischen Bastarde dann verspüren werdet!“
Der Geheimdienstler/Spion als PDF Download.

